Mono-Morgen

Manchmal - so wie gestern - höre ich nachts das Gras wachsen. Mich stört dann jedes Geräusch: die Frösche im naheliegenden Dorfteich, unsere Katze, die ständig maunzend rein und raus marschiert, der Wind, der ums Haus streicht. Ich meine sogar, den Mond scheinen zu hören.
In solchen Nächten benutze ich Ohropax.
Heute morgen, als aus weiter Ferne die Stimme des Deutschlandlandfunksprechers aus dem Radiowecker zu mir drang, habe ich den Gehörschutz entfernt und es passierte nichts. Der Deutschlandfunksprecher sprach immer noch aus weiter Ferne zu mir.
Im linken Ohr hatte sich ein Pfropfen gebildet, der sich auch nicht durch noch so wütendes Herumstochern mit einem Wattestäbchen entfernen ließ - im Gegenteil, meine Linkstaubheit wurde nur noch schlimmer.
Ein Anflug von Panik machte sich breit. Ich fühlte mich wie ferngesteuert. Meine Frau, mein Fahrgemeinschaftskollege und sämtliche Mitarbeiter erschraken allesamt, als ich sie ansprach - also anschrie.
Mir wurde bewusst, wie schrecklich es ist, schlecht, bzw. gar nichts zu hören. Ich denke, selbst Blindheit ist nicht so schlimm, wie Taubheit.
Eine Ohrenspülung beim Arzt sorgte schließlich für Abhilfe. Wie dankbar war ich, als sich Mono langsam wieder in Stereo wandelte. Nett verabschiedete mich die Sprechstundenhilfe mit den Worten: “Viel Spaß beim Hören”. Selten habe ich so gerne zehn EURO Praxisgebühr bezahlt.

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